Rollentausch: Wenn Eltern alt und dement werden

Wie erwachsene Kinder mit demenzkranken Eltern umgehen

06.11.2009 Marion Seigel

Müssen Söhne und Töchter die Verantwortung für immer mehr Bereiche im Leben ihrer Eltern übernehmen, ist dieser Rollenwechsel für alle Beteiligten kein leichter Prozess.

Wenn die Eltern zunehmend hilfebedürftig werden, dann muss der Nachwuchs einen Spagat schaffen: Einerseits fordern die Eltern, dass man ihre Wünsche nach Eigenständigkeit und das Recht auf eigene Entscheidungen respektiert. Auf der anderen Seite aber führt ihr körperlicher und geistiger Abbau unweigerlich dazu, dass die erwachsenen Kinder mehr und mehr Verantwortung für ihre Eltern übernehmen.

Und so können sich allmählich scheinbar unüberwindbare Fronten bilden, die dadurch entstehen, dass die Jüngeren Defizite ansprechen, den Älteren hingegen nicht selten jede Einsicht in die Notwendigkeit von Hilfsmaßnahmen und Veränderungen fehlt.

Verkehrte Welt also, denn als die Eltern noch jünger waren, lief dieser gleiche Konflikt mit ihren Kindern gerade umgekehrt. Mit einem solchen Rollenwechsel tun sich nun aber alle Beteiligten besonders schwer – vor allem dann, wenn altersbedingte Verwirrtheit oder Vergesslichkeit zunehmen oder eine Demenzerkrankung vorliegt.

Deshalb hier einige Tipps aus den Bereichen der Altenpflege und der Betreuung von Demenzkranken, die erwachsenen Kindern helfen, mit ihrer neuen Rolle besser klarzukommen:

Nicht alleine bleiben mit den eigenen Ängsten und Sorgen

Wer sich ständig sorgt und ängstigt um die Eltern, macht sich selbst verrückt und übernimmt möglicherweise Verantwortung in einer Form, wie er sie gar nicht tragen will und muss. Hier hilft es, den Kontakt zu Menschen zu suchen, die ähnliche Situation erleben. Man findet sie in der Senioreneinrichtung, in der der Angehörige wohnt, in der Tagespflege oder über Selbsthilfegruppen von pflegenden Angehörigen oder von Angehörigen demenzkranker Menschen. Auskunft geben außerdem kommunale Informationsstellen, Wohlfahrtsverbände, Beratungsstellen für Senioren, Pflegestützpunkte, Sozialstationen, Pflegeheime und ambulante Pflegedienste.

Informationsveranstaltungen für Senioren besuchen

Es gibt mittlerweile in jeder Stadt und Gemeinde eine große Auswahl an Infoveranstaltungen rund um alle Themen des Alters: vom barrierefreien Wohnen, Sturzprophylaxe, über Gesundheitsthemen bis zu Pflegebedürftigkeit, Pflegeversicherung, Verfügungen, Vollmachten, Pflegehilfsmittel, Alltagshilfen und viele weiteren Themen. Man kann zu solchen Veranstaltungen allein gehen oder natürlich zusammen mit dem älteren Angehörigen. Möglicher Effekt des gemeinsamen Besuchs: Die Aussagen des Fachmanns überzeugen vielleicht eher von der Notwendigkeit bestimmter Maßnahmen, als wenn die Vorschläge vom eigenen Nachwuchs vorgetragen werden.

Experten befragen und Angebote für Pflegeberatung nutzen

Beratungsangebote für alle Lebensbereiche und Lebenssituationen von älteren Menschen nehmen erfreulicherweise stetig zu, werden aber noch immer zu wenig in Anspruch genommen. Vor allem pflegende Angehörige nutzen diese Möglichkeiten kaum, obwohl gerade sie am nötigsten Unterstützung brauchen. Die meisten wissen deshalb kaum etwas über ihr Recht auf Pflegeberatung und über möglichen Hilfen und Entlastungsangebote in ihrer Gemeinde.

Kurse absolvieren und von Pflegeprofis lernen

Wer die Methoden (zum Beispiel Validation) im Umgang mit verwirrten, depressiven und dementen Menschen kennt und gelernt hat, sie auch anzuwenden, dem wird vieles leichter fallen. Nicht nur das Zusammenleben mit dem betroffenen Angehörigen, auch das Akzeptieren von merkwürdigen, verletzenden oder auch abstoßenden Verhaltensweisen. Hierbei kann man außerdem lernen, mit der eigenen Trauer und dem Schmerz umzugehen - ausgelöst durch den täglichen und schrittweisen Abschied vom demenzkranken Familienmitglied.

Auszeiten nehmen und Abstand gewinnen

Um psychisch und körperlich stabil zu bleiben, muss man in der Lage sein, die Verantwortung für den pflegebedürftigen Verwandten auch zeitweise komplett abzugeben. Die enge emotionale Bindung kann sonst dazu führen, dass der Kümmerer und sein Schützling zu einer kaum noch trennbaren, aber konfliktreichen Einheit verschmelzen.

Bevor dieser Zustand droht, sollte man entsprechende Entlastungsangebote prüfen: Ehrenamtliche Helfer oder die Mitarbeiter von Pflegediensten und Tagespflegeeinrichtungen vertreten stundenweise. Es ist für pflegende Angehörige auch möglich, Urlaub zu nehmen und dafür Vertretung in Form von Kurzzeitpflege bzw. Verhinderungspflege zu beantragen.

Der Umzug in eine Demenz-WG ermöglicht es Angehörigen loszulassen, ohne den betroffenen Demenzkranken im Stich zu lassen. Hier erleben Verwandte neben dem Gemeinschaftsgefühl mit anderen Angehörigen auch Entlastung durch speziell ausgebildetes Pflegepersonal.

Weil dieses individuelle WG-Konzept so erfolgreich ist, wandeln auch immer mehr Seniorenheime eine oder mehrere ihrer Stationen baulich und konzeptionell in so genannte Demenz-Wohngruppen um. Diese verzichten bewusst auf die in Heimen üblichen starren Tages- und Arbeitsabläufe und legen Wert auf familiäre Strukturen in kleinen Gruppen, in der das speziell geschulte Personal auf die Bedürfnisse der einzelnen besser eingehen kann.

Wie man den richtigen Weg findet, wenn sich der Rollenwechsel zwischen Eltern und Kindern vollzieht, dafür gibt es keine Patentlösung. Wichtig ist jedoch, dass erwachsene Kinder nicht aus Sorge um die Eltern deren Leben einschränken und sie bevormunden. Rechtzeitig Beratungsangebote von Experten anzunehmen und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, kann die Kinder alter Eltern davor bewahren, in einen Zustand permanenter Überforderung zu geraten.

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